Strong Franc, Weak Euro — Safeguarding Switzerland’s SME and Export Future
At an event hosted by Victorinox AG, Dr. Thomas Borer addresses the challenges posed by a strong Swiss franc and a weak euro for SMEs and exporters. While rejecting the idea that the currency situation spells the end for Swiss industry, he warns of accelerated structural change, price pressures, and the risk of deindustrialisation. Borer calls for regulatory brakes, a halt to state growth, and proactive international diplomacy. He urges Switzerland to reject small-state thinking, and serve as a model for subsidiarity, competitiveness, and stability in Europe.
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Starker Franken, schwacher Euro: Aus für die Schweizer KMU und Exportindustrie?
Thesen:
1. Der starke Franken ist nicht das AUS für die Schweizer KMU und die Exportindustrie, aber ganz gewiss werden einzelne Unternehmen untergehen oder ihre Tätigkeit ins Ausland auslagern.
2. Der Euro wird noch etliche Jahre schwach bleiben. Die Schweiz muss daher die Rahmenbedingungen weiter verbessern.
3. Es braucht eine Regulierungsbremse und eine Bremse für Staatswachstum.
4. Die bilateralen Abkommen mit der EU sind für die Schweizer Wirtschaft von grosser Bedeutung.
5. Die Schweiz muss ihre wichtigen internationalen Verhandlungen mit öffentlicher Diplomatie pro-aktiv begleiten. Wir brauchen eine selbstbewusste Aussenpolitik.
Einleitung
Wir sind uns oft nicht bewusst, in welch spannender Zeit wir leben und wie beschleunigt politische und wirtschaftliche Geschichte vor unseren Augen abläuft. Ein Mensch, der im Mittelalter geboren wurde, erlebte in seinem Umfeld kaum politische, kulturelle, technische und medizinische Veränderungen. Er starb in der fast gleichen Welt, in der er geboren wurde. Heute laufen vor unseren Augen tektonische Verschiebungen im Schnellzugtempo ab – das Leben ist ungeheuer spannend und sehr anforderungsreich. Krisen von Nah und Fern wirken sich mehr und mehr direkt auf unsere Wirtschaft und Gesellschaft aus. Die Welt ist voller Unsicherheiten und Geschichte wird heute im Zeitraffer geschrieben. Daher kann auch der Blick auf unser heutiges Thema „Starker Franken, schwacher Euro“ nur ein momentaner sein.
1. Die Situation und die Herausforderungen durch die Frankenstärke
Der SNB-Entscheid und seine Folgen
Mit dem Entscheid vom 15. Januar 2015 hat Thomas Jordan einen der wichtigsten Entscheide in der Geschichte der Schweizer Wirtschaft getroffen. Der Präsident der Nationalbank hat bekanntlich den Euro-Mindestkurs von 1.20 Franken aufgehoben. Damit sind Exportprodukte und auch die Schweiz generell für Euro-Europäer um bis zu 15 Prozent teurer geworden. Ihre Konkurrenten, z. B. aus Deutschland, haben auf dem Weltmarkt gegenüber der Schweiz einen Preisvorteil. Seit der Aufgabe der Untergrenze für den Euro zeichnen sich vor allem zwei Tatsachen deutlich ab:
• Erstens hat sich die Erwartung des Direktoriums als falsch herausgestellt, dass es sich beim tiefen Kurs um ein vorübergehendes Überschiessen handelt. Die Überbewertung bleibt bestehen.
• Zweitens hat sich der Entscheid sehr rasch auf die Wirtschaftszahlen – nicht nur die Exporte – ausgewirkt.
Dies ist keine Überraschung. Historisch gesehen haben entsprechende Überbewertungen immer wieder mehrere Jahre angedauert. Sie müssen – leider – damit leben. Denn: Es ist aus meiner Sicht unwahrscheinlich, dass sich der Euro in absehbarer Zeit gegenüber dem Franken stärker erhöht. Solange in wichtigen EU-Ländern keine strukturellen Reformen, wie mehr Flexibilität im Arbeitsmarkt oder Reduktion der Lohnkosten, durchgeführt werden, gibt es auch keinen Grund zur Hoffnung, dass sich der EU-Raum wirtschaftlich stärker entwickelt und den Euro nach oben zieht. Hinzu kommt, dass die Europäische Zentralbank noch für längere Zeit den Markt monatlich mit 60 Mrd. Euro überflutet. Wir müssen vielleicht sogar glücklich sein mit einem Eurokurs von 1.10 Franken. Denn was tun Sie, wenn die nächsten Turbulenzen in der Eurozone ausbrechen? Das GriechenlandProblem ist keineswegs gelöst. Andere Schockwellen können aus Asien kommen. Diese könnten den Franken noch stärker werden lassen.
Sie müssen den Worst-Case – leider – weiter planen.
Die Lage ist so ernst wie 2011, bevor die Nationalbank den Franken stützen musste: So ist der Konjunkturbarometer der ETH-Forschungsstelle KOF im Juni auf den tiefsten Stand seit Dezember 2011 gefallen. Und sehr wichtig: Rückläufig sind auch die Exporte. Im ersten Quartal gingen sie nominal um 3.1 Prozent zurück, der Schwund beschleunigte sich im zweiten Quartal auf 5.8 Prozent. Wie die Vertreter der Exportwirtschaft hier bestens wissen, ist momentan im Export das Problem weniger die Menge der verkauften Produkte, wie das im 2011 der Fall war. Es ist vielmehr der Druck auf die Preise und damit auf Umsätze sowie Gewinnmargen. Sie alle müssen wohl die Frankenaufwertung mit reduzierten Margen auffangen, die Kosten reduzieren – und – das ist sehr gefährlich – auf Investitionen verzichten. Die wirklichen Auswirkungen der Frankenstärke bekommen wir also erst im zweiten Halbjahr zu spüren. Vor allem in der Schweizer Maschinenindustrie, wo rund 350‘000 Personen beschäftigt sind. Denn 80% des Umsatzes der Maschinenindustrie stammt aus dem Export. Davon wird 60% in die EU exportiert und nur 20% gehen jeweils in die USA und nach China und Japan, wo das Währungsproblem etwas abgemildert wird. Besorgte Stimmen sprechen daher von einer möglichen „Deindustrialisierung der Schweiz“. Diese Gefahr muss ernst genommen werden.
Wie begegnen wir ihr? Durch Anpassen an neue Verhältnisse
Unsere Volkswirtschaft ist heute auch deshalb stark, weil sie sich über die Zeit immer wieder an die neuen Verhältnisse anpassen konnte. Sie befindet sich in einem permanenten Strukturwandel. Eine starke Aufwertung führt dazu, dass dieser Wandel in gewissen Branchen beschleunigt wird. Dadurch sind die Unternehmen zusätzlich gefordert, besonders die KMUs. Wir müssen die Herausforderung positiv verstehen: Langfristig ist der Strukturwandel positiv für die Schweiz. Der starke Franken ist auch eine Produktivitätspeitsche. Die Schweizer Unternehmen sind auch wettbewerbsfähig, auf dem modernsten technologischen Stand, kreativ und innovativ, weil sie währungsmässig immer wieder unter Druck sind. Der starke Franken wird den Strukturwandel beschleunigen und er wird ein Abbild der relativen wirtschaftlichen Stärke des Landes bleiben. Ein starkes Land hat eben eine starke Währung. Eine Gefahr sehe ich in der Wohlstandsverwöhnung. Wie alle reichen und erfolgreichen Länder leiden wir an einem Mangel an Risikobereitschaft, an zu wenig Leistungswille, an sinkendem Verantwortungsgefühl. Wir sind zu wenig hungrig – das ist auf Dauer eine der grössten Gefahren. Ich verspüre dies vor allem in vielen Teilen der Politik. Zu beachten ist ferner, dass Sie weitere Faktoren beachten müssen: Die Digitalisierung etwa. Die Digitale Transformation hat einen tiefgreifenden Einfluss auf sämtliche Wirtschaftszweige und unterscheidet sich grundlegend von der uns vertrauten industriellen Welt mit linearem Wachstum. Die technologischen Möglichkeiten wachsen heute exponentiell, und somit viel schneller als die menschliche Fähigkeit, damit umzugehen. Ein Beispiel: So hat ein Intel Chip von heute im Vergleich zu einem Chip von 1971 3‘500x mehr Leistung, 90‘000x mehr Energieeffizienz und 60‘000x tiefere Kosten. Auf den VW Käfer übertragen wären dies fast 500‘000 km/h, rund 850‘000km pro Liter Benzin und all das für weniger als 4 Rappen. Diese Entwicklung zwingt Unternehmen zum Wandel. Unternehmen, die schneller neue Technologien integrieren und umsetzen können, sind innovativer und somit erfolgreicher.
Staat als grösste Wachstumsbremse
Da die Unabhängigkeit der Schweizerischen Nationalbank als Grundsatz auf Verfassungsebene verankert ist, kann am SNBEntscheid nicht gerüttelt werden. Es gilt also, sich bestmöglich an die Gegebenheiten anzupassen. Das bedeutet aus wirtschaftspolitischer Sicht, dass die Rahmenbedingungen für die Schweizer KMU und Exportindustrie auf keinen Fall verschlechtert – sondern verbessert werden müssen. Nur so kann das Erfolgsmodell Schweiz beibehalten werden. Wir Schweizer müssen in Bern
• für bessere Rahmenbedingungen
• gegen stetes Staatswachstum und wuchernde Bürokratie
• und gegen höhere Besteuerung kämpfen.
Das ist eine Aufgabe für jeden von uns, das kann man nicht den Politikern überlassen. Wir müssen alle auf die Barrikaden steigen, damit dies aufhört. Der Staat darf nicht mehr so weiterwachsen. In ihren Sonntagsreden sprechen die Politiker gerne von Deregulierung und von Entlastung für die Wirtschaft angesichts des Frankenschocks. In Wahrheit geschieht das Gegenteil. Die Bundesverwaltung ist in den letzten zehn Jahren um über 30 Prozent gewachsen. Das führt zu viel mehr Ausgaben und übrigens auch zu mehr Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt. Letzte Woche hat der Ständerat einen Ausbau der Altersvorsorge beschlossen, der durch eine höhere Mehrwertsteuer und höhere Lohnprozente finanziert wird. Das hemmt den Konsum und die Wettbewerbsfähigkeit der Schweizer Firmen – ausgerechnet jetzt, wo wir in eine Rezession geraten. Ein weiteres Beispiel ist das Beharren des Bundesrats trotz heftiger Kritik auf der Pflicht zur vollständigen Arbeitszeiterfassung, obwohl diese in der modernen Arbeitswelt wenig Sinn macht. Oder denken Sie an die geplante Lebensmittelverordnung mit Hunderten von neuen Vorschriften. Die Verwaltung lebt ihren Trieb aus, mit immer detaillierteren Verordnungen, Erlassen, Rund- und Kreisschreiben ins tägliche Leben einzugreifen. Im Gegensatz zur landläufigen Meinung sind Beamte und Politiker eben nicht faul. Nein, sie sind umtriebig und aktiv. Es wäre wohl volkswirtschaftlich zweckmässig, ihnen viel mehr Ferien und kürzere Arbeitszeit aufzuerlegen. Als erstes Land haben die Schweizer ihr Parlament und ihre Regierung eine Schuldenbremse auferlegt. Seither muss der Bund Einnahmen und Ausgaben im Gleichgewicht halten. Nun ist es Zeit, über eine Regulierungsbremse nachzudenken. Für jede neue Regelung müsste eine bestehende mit gleicher oder grösserer Dichte und Belastung gestrichen werden. Wahrscheinlich kommt „Bern“ nur so zur Vernunft. Denn nicht der Franken, sondern der Staat ist die grösste Wachstumsbremse. Hier sind sie als Unternehmer gefordert. Sie müssen direkt auf die Politik und die Politiker Einfluss nehmen. Denn der unternehmerischen Freiheit muss wieder mehr Raum zugestanden werden!
2. Pro-aktives Auftreten im Ausland
Die Anpassungsfähigkeit der Schweiz, die sie schon oft bewiesen hat, ist das Eine. Die Schweiz muss sich aber zusätzlich pro-aktiv im Ausland um die Verbesserung der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen kümmern. Ich denke hier z.B. an die Verhandlungen mit der EU über verschiedene Fragen wie
• Personenfreizügigkeit,
• die laufenden oder anstehenden Verhandlungen über ein institutionelles Rahmenabkommen,
• über ein Energie- und andere Marktzugangsabkommen, eine Erneuerung des Kohäsionsbeitrages sowie verschiedene Kooperationsabkommen (Forschung, Bildung, Kultur etc.).
Es geht also um verschiedene Themen, die die Rahmenbedingungen von KMUs und Exportindustrie betreffen. Natürlich erklärt unsere Regierung, dass diese Verhandlungen äusserst schwierig sind. Alle Verhandlungen mit der EU sind schwierig – und trotzdem waren wir jedes Mal erfolgreich. Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir auch dieses Mal erfolgreich sein werden. Die Verhandlungen müssen aber unbedingt mit öffentlicher Diplomatie in Brüssel und in den wichtigsten EU-Ländern vorbereitet und begleitet werden. Wir müssen dort aktiv und offensiv gegenüber Entscheidungsträgern und Meinungsmachern darlegen, weshalb die Schweiz gegenwärtig vor grossen Herausforderungen mit der Personenfreizügigkeit steht, wieso andere EU-Länder in Bälde ähnliche Probleme bekommen könnten und welche Lösungen wir anbieten. Wir müssen eine europaweite öffentliche Debatte über die Personenfreizügigkeit und Migration in Gang bringen, um Wohlwollen für unsere Anliegen zu gewinnen und als konstruktiv wahrgenommen zu werden. Dies würde unserm Chefunterhändler massgeblich helfen, seine Ziele zu erreichen. Wir dürfen diese Debatte nicht nur einigen, aus Prinzip gegen die Schweiz eingestellten EU-Kommissaren und EUVerhandlungsführern überlassen, denn die Bilateralen halfen und helfen mit, das Erfolgsmodell Schweiz weiterzuführen:
• Sie sichern Schweizer Unternehmer einen barrierefreien Zugang zu den europäischen Märkten;
• bieten den Unternehmen Rechtssicherheit
• sparen Kosten und senken die administrativen Hürden;
• zahlreiche Arbeitsstellen wurden in der Schweiz geschaffen und die Arbeitslosenquote ist gesunken;
• Arbeitnehmer profitieren von höheren Löhnen und
• reine Freihandelsabkommen können diese Vorteile niemals wettmachen.
Die Bilateralen sind für die Schweizer Industrie sehr wichtig. Swissmem hat dazu von der BAK Basel Economics AG eine Studie zur Bedeutung der Bilateralen für die Maschinenindustrie machen lassen. Die vier folgenden Abkommen wurden als besonders wichtig genannt: Personenfreizügigkeit, Abbau der technischen Handelshemmnisse, öffentliches Beschaffungswesen, Forschungszusammenarbeit. Laut der Studie müssten bei einem Wegfall der Bilateralen ¾ der Firmen der Maschinenindustrie Kosteneinsparungen vollziehen und ¼ würden eine komplette Verlagerung der Produktion in ein kostengünstigeres EU-Land in Betracht ziehen.
Mitgestaltung des direkten Umfelds
Generell muss die Schweiz mehr an der Mitgestaltung ihres Umfelds mitwirken. Und hier könnte sich die Schweiz in einem ersten Schritt in die EU-Diskussion einbringen. Ich bin der festen Überzeugung: Die Schweiz könnte als Ideengeber und Vorbild die angeschlagene EU beflügeln. So wie sie das schon in einigen Punkten bereits erfolgreich getan hat. Ich denke da z.B. an die Ausgabenbremse, – einer unserer Exportschlager. Ich denke an die konsequente Durchsetzung des Subsidiaritätsprinzips und des Konkurrenzföderalismus – wie wir das vorleben – und vielleicht auch an mehr direkte Demokratie. Die EU müsste „mehr Schweiz wagen“. Aber für viele EU-Bürokraten sind wir das Feindbild. Dabei sind wir die Lösung!
Neue Philosophie der Schweiz
Ich plädiere deshalb für eine neue, offensive Philosophie der Schweiz auf internationaler Ebene. Ein immer internationaler verstricktes Wirtschaftsumfeld bedarf neuer, zeitgemässer Rahmenbedingungen. Unsere Regierenden verstecken sich oft hinter der Ausrede, die Schweiz sei ein Kleinstaat und man könne daher dem Druck nicht standhalten. Nun, waren wir denn im 19. Jahrhundert eine Grossmacht oder zur Zeit des Zweiten Weltkrieges? Nein, sicher nicht. Im Übrigen sind wir vielleicht geographisch und von der Einwohnerzahl her ein Kleinstaat, sonst aber nicht. Denn die Stellung eines Staates bestimmt sich in der modernen Welt durch seine wirtschaftliche Leistungsfähigkeit und Finanzkraft, durch die Kreativität und Innovationsfähigkeit seiner Gesellschaft, durch die Qualität des Bildungssystems, die kulturelle Ausstrahlung, die „soft power“ und vieles mehr. Legen wir diese Messlatte an die Schweiz an, schneidet sie in aller Bescheidenheit gut ab. Wir gehören wohl zu den zwanzigst mächtigsten Länder der Welt. Die Schweiz, und das müssen wir Schweizer Bürger in unserem Bewusstsein verankern, ist weltpolitisch gesehen eine Mittelmacht. Leider gelingt es unserer Regierung und Diplomatie nicht, dieses Potential in politischen Einfluss umzusetzen. Denn dass die Schweiz ein Kleinstaat ist wird uns schon mit der Muttermilch eingetrichtert. Die Schweiz hat viele Mahner, Bedenkenträger, Bremser, Kritiker und zu wenig Visionäre, Beweger, Gestalter, Pioniere. Der Schweizer Schriftsteller und Nobelpreisträger von 1919 für Literatur, Carl Spitteler, hat festgehalten: „Wenn die Schweizer die Alpen selbst gebaut hätten, wären sie nicht so hoch, dann wären sie bescheidener geraten.“ Wir müssen stolz auf unsere schönen und hohen Berge sein und dieses Gefühl auch in die Welt hinaus tragen.