Dr. Thomas Borers Lehren aus Diplomatie und Krisenmanagement
Beim Swiss Leadership Forum 2013 hält Dr. Thomas Borer eine Keynote über Reputation als Erfolgsfaktor. Er betont, dass Reputation eine Form von Kapital ist, die aktiv gemanagt werden muss, und erläutert, wie Reputationskrisen das politische und wirtschaftliche Ansehen untergraben können. Dabei warnt er vor reaktiver Kommunikation und plädiert für ein proaktives, strategisches Engagement mit den Stakeholdern. Seiner Ansicht nach gilt: «Steuern Sie Ihren Ruf – oder er steuert Sie».
Das vollständige Transkript können Sie hier lesen:
Risiko – Einfluss der globalisierten Welt
Nichts geschieht ohne Risiko, aber ohne Risiko geschieht auch nichts. (Walter Scheel)
Welch schweres Thema wird uns hier gestellt! Ueber Risiko und die globalisierte Welt zu sprechen. Ein unerschöpflicher Themenkreis – und gleichzeitig so einfach in Banalitäten zu verfallen. Ich möchte mich in den kommenden 30 Minuten auf folgendes beschränken und hoffe auf viele Fragen:
¾ Was bedeutet Risiko eigentlich und wie bewirtschafte ich Risiko?
¾ Was hat die Globalisierung für einen Einfluss auf Ihr Risiko-Assessment?
¾ Was kann man von der Arbeit mit Victor Vekselberg in Sachen Risiko lernen?
¾ Weitere Beispiele aus der Weltwirtschaft zu lokalen und globalen Risiken.
Eines Vorweg: Auch ich kann Ihnen heute nicht die Zukunft der Gefahren vorhersagen. Aber ich möchte Sie für einiges sensibilisieren.
Allgemeines zum Risikobegriff (1)
Das Risiko des Lebens beginnt bekanntlich mit der Geburt. Und wir alle wissen, dass uns das Risiko des Todes eines Tages einholt – aber wir wissen nicht wann. Letztlich handelt es sich bei Risiken immer um eine Informationsunsicherheit über den Eintritt eines Sachverhaltes und die dadurch induzierte Möglichkeit der Beeinträchtigung von Zielen. Berühmt ist das Beispiel des Regenschirmrisikos des Soziologen Niklas Luhmann: Wenn es Regenschirme gibt, kann man nicht mehr risikofrei leben. Die Gefahr, dass man durch Regen nass wird, wird zum Risiko, das man eingeht, wenn man den Regenschirm nicht mitnimmt. Aber wenn man ihn mitnimmt, läuft man das Risiko, ihn irgendwo liegenzulassen. Wir alle haben ein unterschiedliches, individuelles Risikoverhalten. Wir sind risikoavers oder risikoscheu oder risikofreudig. Ich nehme gerne Risiko, und wie bekannt falle ich dabei auch manchmal auf die Nase. Mein Vorteil – je mehr man auf die Nase gefallen ist, desto mehr Übung hat man im Aufstehen und desto mehr lernt man Risiken einschätzen. Das ist zwar keine sehr Schweizerische Eigenschaft: wir Schweizer können ja nicht sehr gut mit Niederlagen umgehen. Aber ich habe eben lange in den USA gelebt und dort nennt man so ein Verhalten brinkmanship: Beherztes Handeln in einer Situation auf des Messers Schneide. Nun haben wir verständlicherweise alle übergenug von der Risikobereitschaft der Amerikaner im Allgemeinen und der Banker im Besonderen. Die nächsten Jahre werden wir eher zur Risikovermeidung neigen. Aber damit laufen wir auch wieder ein Risiko: Leute, die jedes Risiko scheuen, gehen das grösste Risiko ein (G.G. Kennan), oder wie der Volksmund so schön sagt: Das Risiko ist die Bugwelle des Erfolges! Daher ist für uns alle – als Individuen, als Wirtschaftsleute, als Politiker – entscheidend: das Risikomanagement: Dabei hat in den letzten, sagen wir, Hundert Jahren, hat das Risiko für uns alle unglaublich zugenommen. Wir leben in einer Risikogesellschaft. Dieser Begriff wurde vom deutschen Soziologen Ulrich Beck geprägte; es war der Haupttitel eines seiner Bücher von 1986. Seine Grundthese lautet: Wir sind Zeugen eines Bruches innerhalb der Moderne, die sich aus den Konturen der klassischen Industriegesellschaft herauslöst und eine neue Gestalt, die so genannte (industriegesellschaftliche) Risikogesellschaft ausprägt. Ähnlich wie im 19. Jahrhundert die Modernisierung die ständisch verknöcherte Agrargesellschaft aufgelöst und das Strukturbild einer Industriegesellschaft herausgeschält hat, löst die Modernisierung heute die Konturen der Industriegesellschaft auf und in der Kontinuität der Moderne entsteht eine andere gesellschaftliche Gestalt. Oder viel einfacher gesagt: die moderne Gesellschaft produziert viel mehr Risiken als Vorgängergenerationen. Dies hängt natürlich vor allem mit dem technischen Fortschritt zusammen. Dieser – über die Erfindung der Atomwaffen – hat es möglich gemacht, die gesamt Menschheit in kurzer Zeit zu zerstören. Zwar haben objektiverweise die Risiken in der Welt zugenommen. Aber gleichzeitig wird der Begriff Risiko durch Medien und Politik inflationiert. Fast monatlich wird uns mit schweren Risiken gedroht und mindestens einmal pro Jahr wird angekündigt, der Welt drohe aus diesem oder jenem Grunde der Untergang (Umweltkatastrophen, Terrorismus, Rinderwahnsinn, Schweinegrippe, Minarettinitiative). Paradoxerweise führt die Inflation „gefühlter Risiken“ jedoch insgesamt zu mehr Gleichgültigkeit: Wo sich alles in Gefährdungen verwandelt, ist irgendwie auch nichts mehr gefährlich. Und prompt sieht man vor lauter möglichen Risiken die echten Gefahren nicht mehr. Und man glaubt, dass alles machbar und „handelbar“ sei – das war ja unter anderem eine der Ursachen der Finanzkrise.
Risiko in der Entscheidungstheorie
Die Entscheidungstheorie differenziert das Verhalten eines Entscheiders im Angesicht einer Risiko-Situation.
¾ Risikoaversion oder Risikoscheu bezeichnet die Eigenschaft eines Entscheiders, dass dieser bei der Wahl zwischen mehreren Alternativen mit gleichem Erwartungswert (= Eintrittswahrscheinlichkeit x Nutzenhöhe) die Alternative mit dem geringsten Risiko bezüglich des Ergebnisses bevorzugt. Der risikoscheue Entscheider bevorzugt also einen möglichst sicheren Gewinn, auch wenn dieser klein ausfällt.
¾ Risikoneutralität bedeutet, dass ein Entscheider bezüglich des Risikos indifferent ist. Das heißt, dass er seine Entscheidung allein anhand des Erwartungswertes trifft und das bloße Risiko nicht in seine Entscheidung mit einbezieht.
¾ Risikosympathie oder Risikofreude bezeichnet die Eigenschaft eines Entscheiders, dass dieser bei der Wahl zwischen mehreren Alternativen mit gleichem Erwartungswert die Alternative mit dem höchsten Risiko bezüglich des Ergebnisses – und damit auch dem höchsten Gewinn – bevorzugt. Der risikofreudige Entscheider bevorzugt einen möglichst hohen Gewinn, auch wenn unsicher ist, ob er ihn bekommt. Grundsätzlich gibt es fünf unterschiedliche Risikosteuerungsstrategien:
• Risikovermeidung: Eine vollständige Vermeidung von Risiken ist nicht Ziel des Risikomanagements und kann nur erreicht werden, indem man die risikobehaftete Aktivität unterlässt. Sinnvoll ist dies nur bei bestandsgefährdenden Risiken.
• Risikoverminderung: Die Verminderung von Risiken setzt darauf, Risikopotenziale – nicht wie bei der Risikovermeidung – auszuschließen, sondern auf ein akzeptables Maß zu reduzieren.
• Risikobegrenzung: Die Risikobegrenzung gliedert sich auf in zwei Teilbereiche, der Risikostreuung (auch -diversifikation) und der Risikolimitierung. Die Risikostreuung fußt auf der Portfolio-Theorie, die besagt, dass die Kombination nicht vollständig miteinander korrelierender Anlagealternativen in einem Portfolio einen Diversifikationseffekt bewirkt, der in der Summe das Gesamtrisiko verringert oder sogar neutralisiert. Bei der Risikolimitierung setzt das Management Limite (also definierte Obergrenzen) für das Eingehen von Risiken.
• Risikoüberwälzung: Bei der Risikoüberwälzung wird das Risiko durch faktische oder vertragliche, teilweise oder völlige Überwälzung an Dritte übertragen. Die Übertragung steht in Verbindung mit einem zusätzlichen Geschäft, das das Risiko vollständig oder zu wesentlichen Teilen an Dritte weitergibt. Das Risiko wird hierbei nicht beseitigt, sondern wechselt den Risikoträger. Unterschieden werden kann zwischen der Überwälzung auf Versicherungsunternehmen und auf Vertragspartner.
• Risikoakzeptanz: Die Verminderung, Begrenzung und Überwälzung von Risiken kann die Risiken nicht vollständig ausschließen. Das verbleibende Restrisiko muss das Unternehmen akzeptieren und selbst tragen. Dies bedingt das Vorhandensein eines entsprechenden Risikodeckungspotenzials, da ein ggf. eintretender Schaden aus eigener Kraft gedeckt werden muss. Die Akzeptanz von Risiken sollte dann gewählt werden, wenn die vorstehend beschriebenen Wege in keiner positiven Aufwand-NutzenRelation stehen würden.
Die Globalisierung (2) hat bekanntlich massgeblich zur Vermehrung und Komplexität der Risken beigetragen. Auslöser und möglich gemacht, hat die Globalisierung das Ende des Kalten Krieges. Dies hat vor allem die sicherheitspolitische Risikolage fundamental verändert. Mit dem Wegfall des bipolaren Weltbildes ist die während 45 Jahren reale Gefahr eines terrestrischen, atomar unterstützten Grossangriffs aus dem Osten neuen Gefahren gewichen. Wir stehen vor einer völlig neuen Bedrohungslage. Im Fokus stehen der internationale Kampf gegen den (islamistischen) Terrorismus, die Proliferation von Massenvernichtungswaffen, der Ausbruch lokaler bewaffneter Konflikte und Krisen. Daneben erleben wir mit zunehmender Häufigkeit Naturkatastrophen, die Auswirkungen bis zu uns nach Hause haben können (Flüchtlingsströme). In weiterer Zukunft dürfte sich auch der Kampf um die natürlichen Ressourcen, insbesondere das Wasser verschärfen und nicht nur wie bereits heute im Nahen Osten zu Konflikten führen.
Risikobewirtschaftung
Wie gehe ich als Unternehmer mit der Komplexität und Interdependenz der Risiken in der globalisierten Welt und der Vielfalt der Auswirkungen auf mein Unternehmen um? Wie bewirtschafte ich diese Risiken? Wie steure ich das Risiko für mein Unternehmen? Welche Risiken muss ich vor allem beachten? Als Anleitung zur Beantwortung dieser Fragen empfehle ich Ihnen, sich mit dem Global Risk Report des WEF, der jährlich erscheint, zuletzt am 14. Januar 2010 (3), vertraut zu machen. Dieser gibt einen guten Ueberblick über die Risiken und gibt auch ein sogenanntes Global Risk Assessment Module (GLORAM). Dieses interaktive Tool bietet einen konzeptuellen und analytischen Rahmen für die Beurteilung von 24 globalen Risiken. Zugleich simuliert es die Auswirkungen einer sich ändernden Risikolandschaft für 160 verschiedene Länder. Eine massgebliche Rolle bei der Entwicklung dieses Moduls haben natürlich Versicherungskonzerne gespielt, wie die Zurich und die Swiss Re. Im folgenden einige Überlegungen zu den vielen Risiken, die in einer globalisierten Welt auf uns warten – oder Chancen für uns bieten:
Interdependenz der Risiken
Eines der grössten Herausforderungen für uns alle ist die grosse Interdependenz zwischen den Risiken. Globale Risiken dürfen nie isoliert betrachtet werden. Dies macht die Einschätzung so unglaublich schwierig. Die gegenseitige Abhängigkeit ist selbstverständlich direkter Ausfluss der Globalisierung. Die Finanzkrise hat aufs Eindrücklichste gezeigt, wie gegenseitig abhängig man ist (WEF 2008 „The world is decoppled.“). Und wie der Eintritt eines Risikos, weitere Risiken beeinflussen und deren Eintritt fördern kann. Sicherlich werden die Folgen der Finanz- und Wirtschaftskrise weiterhin für uns ein grosses Risiko darstellen. Die Krise hat zudem viele Auswirkungen, die noch nicht absehbar sind: Staatsverschuldung, Strukturerhaltung, Arbeitslosigkeit, geopolitische Verschiebungen von USA weg nach Asien. Die Wirtschaftskrise hat als soziale und politische Folgen hohe Arbeitslosigkeit und Staatsverschuldung; diese kann wiederum die Stabilität von Staaten erschüttern (Island, Griechenland, Spanien, Italien), was die nächste Krise auslösen könnte. Kann z. B. angesichts der Staatsverschuldung das bestehende Sozialversicherungs- und Gesundheitssystem in westeuropäischen Staaten noch bezahlt werden? Wenn nicht, wird dies soziale Unrast auslösen? Politische Umstürze? Auswanderungen? Persönlich erachte ich die hohe Staatsverschuldung vor allem für den Westen für sehr gefährlich. Die Regierungsprogramme der letzten Monate haben die Verschuldung ins fast Unermessliche getrieben:
¾ USA 10 % des BIP (Maastrich-Kriterium 3 Prozent) Entwicklung der öffentlichen Schulden in den USA 1990: 3 Trillionen, 2008: 10 Trillionen.
¾ EU Durchschnitt 67 % des BIP ¾ Schweiz: 40% des Bruttoinlandproduktes
¾ G 20 werden im 2014 eine Debt-to-GDP ratio von 118% aufweisen, 2007 waren es 78% (Schätzung IMF).
¾ Im Gegensatz dazu haben viele Emerging Markets Staaten ihren Staatshaushalt weitgehend im Griff halten können, was ihnen einen grossen Vorteil bringt.
Das waren bis vor kurzem unvorstellbare Dimensionen, v.a. angesichts einer alternden Bevölkerung und der Zunahme der Sozialversicherungsbelastungen in Europa. Beides wird nicht verschwinden. Diese Programme werden in der Zukunft riesige Belastungen für die Steuerzahler dieser Länder mit sich bringen. Die entsprechenden Steuer- und Verteilungskonflikte werden dramatisch sein und auch internationale Auswirkungen haben. Ueberdies gelten die billionenschweren Stimulierungspakete vorab der Strukturerhaltung im Finanzsektor, im Automobilbau und in anderen angeschlagenen Wirtschaftssektoren. Es werden nicht Investitionen in Innovationen getätigt und Platz für neues geschaffen. Es ist viel Kapital in Richtung von wenig oder gar nicht produktive Faktoren geflossen.. Als Risiko muss zum Beispiel beurteilt werden, wie sich die hohe Staatsverschuldung und das überschuldete Sozialsystem der westlichen Industrienationen auf deren Wettbewerbsfähigkeit und auf das Finanzsystem auswirkt. Im Durchschnitt der EU-Staaten gehen nunmehr über 20 % des Haushaltes von vorneherein für Zinszahlungen weg. Und weiter werden munter Budgetdefizite produziert. Sie als CFO müssen sicherlich die damit in Zusammenhang hängenden Fragen, (crowding out) permanent im Auge behalten. Ferner sind die Gefahren der fiskalischen Konfiskation bei der Wahl des Firmenhauptsitzes und Produktionsortes einzubeziehen. Vielleicht müsste man mehr und mehr eine Diversifikation über verschiedene Rechtssysteme hinweg prüfen.
Aeussere Druckversuche auf den Sonderfall Schweiz
Diese Staatsverschuldung bringt auch indirekte Risiken für die Schweiz. Sie ist weniger verschuldet und ihre Unternehmen werden in ihrer Mehrzahl die Krise überleben und beim Aufschwung stark profitieren können. Dies bringt eine grosse Gefahr mit sich: Das Geschäftsmodell Schweiz wird in Zukunft wegen seinem Erfolg und seinen Sonderheiten, wegen seinem Steuersystem, wegen seinem Finanzplatz noch mehr unter Druck aus dem Ausland kommen. Oder weil es aktuelle Mode- und Zeitströmungen nicht mitmacht, weil es zeigt, dass es auch anders geht – und dabei wohl erfolgreicher ist als die anderen. Der Kampf um Macht und um Wohlstand treiben weiterhin die nationalen Interessen anderer Staaten. Neid, Prestigedenken, Kampf um Wähler werden dabei hinter hehren Motiven versteckt. Viele Staaten haben leere Kassen und wachsende Schulden. Sie werden versuchen, den scharfen Konkurrenten Schweiz, den sie auf dem freien Markt kaum schlagen können auch durch regulatorische Massnahmen in die Knie zu zwingen. Unsere Regierenden verstecken sich oft hinter der Ausrede, die Schweiz sei ein Kleinstaat und man könne daher dem Druck der grossen Mächte nicht standhalten. Wir hätten keine Alliierten… Nun, waren wir denn im 19. Jahrhundert eine Grossmacht oder zur Zeit des Zweiten Weltkrieges, als wir immer wieder Anfeindungen, Druck und Kritik der Mächtigen erfahren haben? Nein, sicher nicht. Im übrigen sind wir vielleicht geographisch und von der Einwohnerzahl her ein Kleinstaat, sonst aber nicht. Die Stellung eines Staates bestimmt sich in der modernen Welt durch seine wirtschaftliche Leistungsfähigkeit und Finanzkraft, durch die Kreativität und Innovationsfähigkeit seiner Gesellschaft, durch die Qualität des Bildungssystems, die kulturelle Ausstrahlung, die „soft power“ und vieles mehr. Legen wir diese Messlatte an die Schweiz an, schneidet sie in aller Bescheidenheit sehr gut ab. Wir gehören wohl zu den zwanzig mächtigsten Ländern der Welt. Leider gelingt es unserer Regierung und Diplomatie nicht, dieses Potential in politischen Einfluss umzusetzen. Das ist unser Fehler. Ich rede daher seit vielen Jahren einer Reform unserer Staatsleitung das Wort. Wir müssen das System des angeblich kollektiv regierenden Bundesrates ändern. Wir brauchen eine krisenfähige Regierung, welche unsere Interessen im Ausland mutig und mit modernen Methoden vertritt. Nun aber zurück zur Interdependenz der Risiken Risiken dürfen also in der globalisierten Welt nicht einzeln betrachtet werden. Vielmehr müssen wir die vielfältigen Wechselwirkungen und Zusammenhänge dazwischen analysieren und sichtbar machen. Die Ansicht von Problemen als Einzelfälle muss abgelöst werden durch die Auffassung von einem Netz aus Strukturen und Einflussfaktoren, aus dem sich unterschiedliche Problemkomplexe ergeben. Nur durch eine solche, ganzheitliche Sichtweise ist es uns möglich, die richtigen Schlüsse zu ziehen, Risiken einzuschätzen und Möglichkeiten zu kreieren. Die grosse Interdependenz macht ein Risikomanagement nötig, das viel integrierter und systematischer ist als dasjenige, das viele von uns in der Vergangenheit betrieben haben. Die Strategie muss eine Optimierung eines Portfolios von vorbehaltenen Entschlüssen sein, die auf Szenarios basieren, welche die Unsicherheit reflektieren. Alle grösseren, aber auch viele mittlere Unternehmen partizipieren heute in der globalen Wirtschaft. Ihre Entscheide müssen vor dem Hintergrund von Faktoren gefällt werden, die sie nicht beeinflussen können. Daher müssen diese Unternehmen Prozesse entwickeln, die beurteilen, wie diese Ungewissheiten und Risiken ihre Organisation, ihre supply chains, ihre Wettbewerber, ihre Märkte oder potentiell neuen Märkte, die Regierungen und ihre Regulierungen beeinflussen werden. Ein unglaublich schwieriger und komplexer Vorgang. Aus meiner Sicht sind viele Schweizer Unternehmen ungenügend darauf vorbereitet. In den Verwaltungsräten sitzt z. B. sehr viel spezifisches Fachwissen, vor allem im Finanzbereich. Aber die globalen Denker und Strategen fehlen meist. Und das Management ist durch die Komplexität des Tages- und kurzfristigen Geschäftes absorbiert. Meine Arbeit mit Renova und Victor Vekselberg hat mir eine weitere Möglichkeit gegeben, Risikomanagement zu erleben, nämlich den Einstieg eines Investors aus einer „Emerging Economy“ in die Schweizer Unternehmenslandschaft. Viele von Ihnen kennen die Schlagzeilen um Vekselberg, von OC Oerlikon und Sulzer hin zur Pauschalbesteuerung. Es lieg sicherlich auf der Hand, dass Renova sich sehr gut eignet in vielerlei Hinsicht, Risiken und Risikomanagement plastisch darzustellen.
Beispiel Renova und Reputationsrisiken:
Ein Risiko, das sehr gut zu Anfang gesehen wurde, war das der Reputation von Herrn Vekselberg. Dieser hatte sich bereits 2004 entschlossen, international stärker zu investieren. In russischen Führungetagen ist man sich durchaus stets bewusst gewesen, welchen Vorurteilen man im Westen zum Teil ausgesetzt ist. Herr Vekselberg ist daher sehr strategisch Schritt für Schritt an die westliche und dann auch Schweizer Öffentlichkeit gegangen. In Zürich trat er zum Beispiel erstmals prominent im Rahmen seiner kulturellen Aktivitäten auf. Damit war er dann schon bekannt, als er sich zu grösseren Investitionen in der Schweiz entschied. Heute ist Herr Vekselberg weitestgehend gut angesehen in der Schweizer Führungselite. Und auch Sulzer-Aktionäre haben erkannt, dass sie vor ihm keine Angst haben müssen, zumal er mit Jürgen Dormann einen Spitzenmann bei Sulzer unterstützt hat.
Beispiel Renova und Risikoketten:
Jede Beantwortung eines Risikos, lässt jedoch auch neue Risiken entstehen. Das lässt sich zum Beispiel an der Anfangsgeschichte von Renova in der Schweiz zeigen: Renova ist in Russland vor allem in der Aluminium- und Erdölindustrie zu Hause. Dieses starke Fundament bildete zugleich ein Klumpenrisiko, was eine Diversfizierung sowohl nach regionalen, wie auch sektoralen Gesichtspunkten erforderte. Die Wahl fiel dazu unter anderem auf die Schweiz und ihre sehr gut positionierten technologiestarken Unternehmen. Dieser Schritt, der einem Risiko vorbeugen sollte, dem einer Monokultur im Portfolio, erforderte andere, neue Risiken. So konnte sich Renova zwar beraten lassen, aber die Art und Weise wie westliche börsenkotierte Unternehmen agierten und gemanaged wurden, war vielen meiner Kollegen neu. Entsprechend ist Renova anfangs zunächst nicht alleine aufgetreten, sondern entweder als Minderheitsaktionär (so zunächst 2006 bei OC Oerlikon) oder im gemeinsamen Vehikel mit anderen Investoren (bei Sulzer 2007). Und wieder ergaben sich neue Risiken: in der Rolle des Juniorpartners, haben sie weniger Kontrolle über manche Geschehnisse und sind von anderen Akteuren abhängig, die womöglich gar nicht die gleiche Strategie wie sie verfolgen. Folglich übernahm Renova diese Rolle und löste ihre österreichischen Geschäftskollegen in der Führungsrolle bei OC Oerlikon ab. Somit werden nach und nach unterschiedlichste Formen des Risikos durch neue Risikosituationen ersetzt. Die Kunst des Risikomanagements ist es in jedem dieser Fälle, den Risiken einen Schritt voraus zu sein. Dies hat Renova meines Erachtens recht erfolgreich getan. Wir wurden nur einmal wirklich kalt erwischt und das war vergangenes Jahr, als vielfach unterschätzt wurde mit welcher Wucht ein Konflikt um eine Verwaltungsratsbesetzung gefochten wird.
Beispiel Renova und Risikoanalyse:
Lessons Learned In diesem Konflikt kamen plötzlich eine Reihe an Risikofaktoren zum Spiel, die viele zu Anfang der Investitionstätigkeiten nicht erahnt hatten, weil diese bei der Standortanalyse der Schweiz als Investitionsstandort keine grosse Rolle gespielt hatten. Der Schritt für Renova in die Schweiz war begründet auf der Vorstellung eines internationalen Standortes, mit klaren, eindeutigen Gesetzen, Rechtssicherheit für Investoren und einer offenen Volkswirtschaft. Ich stehe weiterhin dazu, dass dies im überwiegenden Masse für unser Land gilt. Zugleich aber konnten wir im Fall Sulzer (wieder) erleben, dass:
‐ rechtliche Instrumente auch für Sonderinteressen eingesetzt werden können (anders kann man sich eine verurteilende Medienmitteilung des EFD kurz vor einer GV nicht erklären).
‐ unseriöse, zum Teil anti-russische Klischees auch in Teilen der gebildeten Eliten vorhanden waren, die sich gegen Renova mobilisieren liessen.
‐ protektionistische Elemente und Vorstellungen auch in der Schweiz zwar keine politische Mehrheit, aber sicher auch eine politische Stimme finden können.
Ich muss zugestehen, dass auch ich als Schweizer, sei es aus Liebe zur Heimat oder dem Glauben an liberale Ideale, dieses Risiko falsch eingeschätzt habe. Auch ich habe gelernt –den eigenen Herd und Hof muss man mit einem genauso kühlen analytischen Blick betrachten, wie Risiken die in weiter Ferne liegen oder durch Dritte entstehen.
Energie- und Transportkosten
Eines der wirklich abschätzbaren, aber unbedingt einzubeziehenden Risikofaktoren ist die weltweite Energieversorgung. Die Preise können kurzfristig stark ansteigen. Ich sehe den Oelpreis für 2011 eher bei 200 USD als bei 50 USD. Die Wirtschaftskrise hat die Investitionsbereitschaft von Staaten und Unternehmen im Energie- und Landwirtschaftsbereich erheblich vermindert. Der nächste Oel- und vielleicht Rohstoffschock steht bevor, sobald die Wirtschaft wiederum ansteigt. Die „International Energy Agency“ hat sich im Dezember 2009 erstmals konkret zum Oil Peak geäussert. Ihrer Aussage zufolge wird das globale Fördermaximum 2020 erreicht sein, anschliessend soll die Menge an gefördertem Öl Jahr für Jahr abnehmen. Dessen ungeachtet dürfte der Energie-Heisshunger Asiens weiter rasant zunehmen und sich bis 2025 insgesamt verdoppeln. Dies hat grosse Auswirkungen auf die Energiepreise – und die Transportkosten. Der Transport von Gütern, sei es auf der Schiene, übers Wasser oder durch die Luft, benötigt fossile Brennstoffe, meistens Öl. Daran wird sich trotz der rasanten Innovationsgeschwindigkeit im Bereich der Alternativenergien auch in den nächsten 10 bis 20 Jahren nicht allzu viel ändern. Folglich wird ein Anstieg des Ölpreises auch einen markanten Anstieg der Transportkosten nach sich ziehen. Viele Wertschöpfungsketten gehen heute dreimal um den Globus, ehe das Endprodukt beim Schweizer Konsumenten endet. Für diese Welt der globalisierten Supply-Chains, der Just-In-Time-Lieferung und des „Global Sourcing“ könnten steigende Transportkosten das sein, was sinkende Häuserpreise für die Welt der „Mortgage Backed Securities“ waren. – eine, gelinde gesagt, grosse Herausforderung. Zusätzlich zum steigenden Ölpreis wird sich auch die zunehmende Überlastung von Transportrouten auf die Transportkosten umschlagen. Staus auf Land und Wasser erhöhen nicht nur die Lieferzeit, sondern verstärken auch deren Schwankungen. Steigende Kosten für Lieferausfälle und erhöhte Lagerbestände wirken sich in der Buchhaltung direkt aus. Unternehmen, welche fähig sind, die höheren Transportkosten durch Grössenvorteile zu kompensieren, werden weiterhin in China, Indien oder den ostasiatischen Tigerstaaten produzieren können. Gerade für kleinere Unternehmen könnte es sich aber zusehends lohnen, ihre Produktion statt ins ferne Asien ins nahe Osteuropa zu verlagern. Damit lassen sich nicht nur Kosten sparen. Kürzere Transportwege und die damit gewonnene Flexibilität können auch als Wettbewerbsvorteile gegenüber grösseren, behäbigeren Firmen eingesetzt werden. Letztendlich könnte Europa als Produktionsstandort von dieser Entwicklung profitieren.
Xinjiang oder die Schattenseite von Wachstum
Eine der grossen Risiken, die meines Erachtens unterschätzt werden, ist China. Ein wirtschaftlicher Einbruch, ein Sinken des Wachstums dort hätte verheerende Auswirkungen auf Asien, auf die USA, auf Europa. So unvorstellbar ist ein derartiges Szenario aber nicht. Als erstes scheinen mir viele Unternehmen zu unterschätzen, dass das Wachstum Chinas in der Vergangenheit nicht einfach in die Zukunft extrapoliert werden kann. Da drohen viele Unabwägbarkeiten. Und mit steigendem Produktionsniveau sinkt bekanntlich tendenziell das Produktivitätswachstum und mehr und mehr wird auch dort Kapital für Ersatz- statt Neuinvestitionen aufzuwenden sein. Zudem wird über kurz oder lang China die Währungspolitik ändern müssen, was das Wachstum tendenziell einschränken wird. Aber viel gefährlicher sind für mich die Risiken, die mit der politischen Struktur Chinas und ihrem Vermögen zusammenhängen, all die anstehenden riesigen Herausforderungen zu bewältigen (geordnete Integration der Landbevölkerung in Wirtschaftskreislauf – durch Landflucht sollen bis 2025 weitere 300 Millionen Stadtbewohner hinzukommen, ein Anstieg von 50%; Umweltprobleme; ethische Probleme). China ist eine Oligarchie mit diktatorischen, intoleranten Zügen, verbrämt als Kommunismus. Letztlich ist die politische Stabilität nur so lange gesichert, als durch Wachstum die überwiegende Zahl der Chinesen den Eindruck behält, sie und ihre Kinder würden auch zu den Gewinnern zählen. Kommt hinzu, dass gemäss meiner These – unabhängig von der Kultur – Wirtschaftsfreiheit nur über eine, maximal zwei Generationen erfolgen kann, ohne dass parallel auch demokratische Freiheit eingeräumt wird. Es gibt viele Beispiele dafür, von Chile, Südkorea bis Russland. Wie sollen die enormen Verteilungsprobleme Chinas demokratisch gelöst werden? Es kommen andere Risiken in China hinzu, die vielerorts unterschätzt werden: Mit der Produktivität steigt auch der Wohlstand der Bevölkerung. Chinas wachsender Mittelstand verlangt zunehmend nach westlicher Lebensqualität, die Pro-Kopf-Wohnfläche hat sich über die letzten 15 Jahre fast verdreifacht. Nur: Der rasant angestiegene Energiebedarf wird noch immer zu rund 70% mit Kohle gedeckt. Angesichts der praktisch inexistenten Umweltgesetzgebung führt dies unweigerlich zu massiven Problemen. In den Städten sehen wir Menschen mit Atemschutzmasken, die sich gegen die Luftverschmutzung schützen. Aber auch auf dem Land sind die Auswirkungen verheerend: Auf rund 1/3 der landwirtschaftlichen Nutzfläche Chinas fällt saurer Regen. Wüstenbildung, Wasser- und Luftverschmutzung verursachen jährlich angeblich Kosten in der Höhe von rund 14% des chinesischen Bruttoinlandproduktes. Wozu Wüstenbildung und Bodenerosion führen können, hat sich 2009 in erschreckender Weise an der Provinz Xinjiang gezeigt. In dieser westlichen Region Chinas dehnt sich die Wüste Gobi mit rund 3600 km2 pro Jahr aus und macht jährlich zig-Millionen Chinesen zu Flüchtlingen. Die zunehmenden Verteilkämpfe um Wasser und Boden wurden durch die ethnischen Gräben zwischen Han-Chinesen und den muslimischen Uiguren verstärkt und sind im letzten Juli eskaliert. Aufgrund der blutigen Auseinandersetzung mit über hundert Toten musste Staatschef Hu Jintao sogar die Teilnahme am G8-Gipfel absagen. Es gibt in China viele solche tickende Zeitbomben. Ich will China nicht schlecht reden – aber wir sprechen hier von Risiken. Und ganz gewiss muss eine verlässliche Unternehmensstrategie das erhebliche Länderrisiko Chinas einbeziehen. Sonst weist sie in meinen Augen einen grossen Mangel auf. Ein gutes Beispiel dafür, wie Länderrisiken systematisch unterschätzt werden, bot kürzlich Dubai. Dort haben westliche Unternehmen und Banken Projekte finanziert im Glauben, die Finanzquellen dieses Emirates seien unerschöpflich, das Wachstum der Vergangenheit werde sich genau gleich in der Zukunft fortsetzen und irgendein Scheich werde für allfällige Ausfälle bürgen. Man hat sich getäuscht. Ich mache mir übrigens zu meinen Lebzeiten auch keine Sorgen über eine Suprematie Chinas. Die Nachteile von Demokratien werden mehr als aufgewogen durch ihre Kreativität, neue Lösungen im Wettstreit der Meinungen zu finden. In der Fähigkeit zur technologischen Innovation hinken Staaten wie China weiter deutlich hinterher. Google kann in einem chinesischen System kaum erfunden werden, und vor kurzem musste es sich sogar zurückziehen. China beeindruckt durch das schiere Ausmass seines wirtschaftlichen Erfolges und der Masse seiner Menschen. Soft Power, intellektuelle Anziehungskraft fehlen noch auf absehbare Zeit, obwohl die chinesische Kultur diesbezüglich auch viel zu bieten hätte. Die westlichen Werte, Freiheit, Grundrechte, haben eine unglaubliche Strahlkraft. Sie sind noch für lange Zeit ein unschlagbares Konzept, um jenseits von Militär und Wirtschaft Einfluss in der Welt auszuüben. China und Russland haben noch kein adäquates Gegenmuster anzubieten.
Risiken und Geschäftsmöglichkeiten
Mumbai oder wie Wasserknappheit zum Sicherheitsrisiko wird
Risiken beinhalten bekanntlich auch grosse Chancen. Aus den Umweltrisiken in China und anderswo ergeben sich für westliche Unternehmen ausgezeichnete Wirtschaftsaussichten. Wer Risiken richtig vorhersieht, kann unglaublich davon profitieren. China beginnt allmählich auch in CleanTech zu investieren unter anderem durch die Subventionierung von Solarenergie. 2008 beschäftigten sich in der Schweiz über 100 Lehrstühle mit Energie, Umwelt und CleanTech. Schweizer Unternehmen haben damit die besten Voraussetzungen, sich im CleanTech-Wettbewerb zu positionieren. Ausgerüstet mit vorausschauender Planung und den richtigen Szenarien können wir uns unseren Anteil an diesem schnell wachsenden Markt sichern und gleichzeitig zur Lösung der Umweltprobleme beitragen. Gemäss einer kürzlich veröffentlichten Studie von Roland Berger soll der Sektor umweltfreundlicher Energien jährlich um ca 10 % wachsen. Im Jahre 2020 soll der Weltmarkt ein Volumen von 3200 Milliarden Euro erreichen. CleanTech ist aber nicht nur in China ein grosses Thema. Auch andere Staaten kämpfen mit ähnlichen Problemen. Am Beispiel Indiens möchte ich insbesondere auf die Wasserversorgung zu sprechen kommen. Rund 700 Millionen Inderinnen und Inder oder mehr als 50% der indischen Bevölkerung haben keinen Zugang zu sanitären Einrichtungen – mit schweren Folgen für die Ersatzinfrastruktur: die Flüsse. An gewissen Stellen liegt die Bakterienkonzentration des Ganges 3000- fach über dem gesundheitlich unbedenklichen Niveau. Tragische Konsequenz: Rund 1000 Kinder sterben in Indien täglich an Durchfallkrankheiten. Schlimm genug, aber leider erst die halbe Wahrheit. Während der Grossteil des indischen Wassers stark verschmutzt ist, wird derjenige Teil, den man guten oder schlechten Gewissens verwenden kann, äusserst ineffizient verwendet. Allein die Papierproduktion benötigt für die gleiche Menge an Papier doppelt so viel Wasser als dies in westlichen Industrieländern der Fall ist. Auch die industrielle Wasserverschmutzung ist ungleich höher. All dies führt unausweichlich zu akuter Wasserknappheit. Am 22. Dezember 2009 hat Mumbai um Hilfe gerufen: Die Wasservorräte der Stadt reichten aufgrund des geringen Monsunregens nur noch 200 Tage. Die Auswirkungen dieser Knappheit sind verheerend. Die Leute in der Stadt tätigen Hamsterkäufe, während die Wasserpreise in schwindelerregende Höhen steigen. Derweil musste die Regierung das verbleibende Wasser rationieren. Die pro Kopf verfügbare Wassermenge wurde um sage und schreibe 40% verringert. Während der Pro-KopfVerbrauch rationiert wird, gehen 700 Millionen Liter, das ist rund 1/6 des normalen täglichen Wasserbedarfs in Mumbai, jeden Tag durch alte und kaputte Leitungen verloren oder werden kriminell abgezweigt. Die Bekämpfung von Wasserdiebstahl ist bereits heute eine der vordringlichsten Aufgaben der städtischen Polizei. Die Weltbank schätzt, dass bis 2020 ganz Indien in eine gravierende Wasserknappheit geraten wird. Die Probleme, die wir heute in Mumbai haben, könnten also schon bald im ganzen Land sowie in anderen Teilen Ostasiens Realität werden. Damit gehen Verteilkämpfe von zunehmender Intensität und gewaltige Migrationsströme einher. Diese stellen eine ernstzunehmende Bedrohung für die politische Stabilität dar – und dies in einer wirtschaftlich ausserordentlich wichtigen Region. Kann die Wasserversorgung nicht sichergestellt werden, dann trocknen nicht nur die Firmen aus, sondern auch sämtliche dort getätigten Investments. CleanTech wird gefragt sein, in Indien ebenso wie in China. Investitionen von Schweizer Unternehmen in diesen Bereich könnten daher sehr rentabel sein – aber wir müssen uns der Risiken bewusst sein und diese in unseren Szenarien berücksichtigen. Handlungsoptionen brauchen wir auch für den Worst-Case.
Somalia oder weshalb Fischer zu Piraten werden
Für das nächste und abschliessende Beispiel bleiben wir beim Wasser, wechseln aber den Fokus von der Verschmutzung zur Überfischung der Weltmeere: Einem Problem, dessen Auswirkungen wir global zu spüren bekommen werden. Lassen Sie mich am Beispiel Somalias erklären weshalb. Seit 1991 finden wir in Somalia ein Machvakuum vor. Die ersten Profiteure waren westliche Fischfang-Unternehmen, die aufgrund der handlungsunfähigen Regierung die dortigen Fischgründe nach Lust und Laune ausbeuten konnten. In rohstoffarmen Ländern wie Somalia, wo ein Grossteil der Bevölkerung von der Fischerei lebt, führt solche Überfischung zu beklemmender Armut. Von den insgesamt 8 Millionen Somalis würden derzeit über 30% fremde Hilfen benötigen, um zu überleben. Weil sie aber hauptsächlich auf sich alleine gestellt sind, suchen sie Hilfe in den jahrhundertealten Clan-Strukturen. Während die einen neue Einkommensquellen in der Piraterie finden, greifen jene, die gar nichts mehr haben zu Waffen und Terror. Die islamistischen Shabab-Milizen und ihre Scharia-Gerichte kontrollieren derzeit nicht nur die gesamte Südhälfte Somalias, sondern zusammen mit ihren ideologischen Gesinnungsgenossen aus der ganzen Welt auch die öffentliche Nacktscanner-Diskussion. Während islamistische Terrortruppen weltweit die Angst vor neuen Terroranschlägen schüren, bedrohen die Piraten im Norden Somalias die globalen Transportwege, insbesondere den Golf von Aden. Diese Meerenge vor der Nordküste Somalias müssen Schiffe aus Asien durchqueren, um durch den Suez-Kanal ins Mittelmeer zu gelangen. Allein in der ersten Jahreshälfte 2009 wurden dort über 100 Schiffe gekapert. Tendenz: steigend. Wenn man bedenkt, dass über 10% der weltweiten Ölfracht den Golf von Aden durchquert, versteht man auch, wie es ein paar ehemalige somalische Fischer geschafft haben, zum Thema von Regierungen in der ganzen Welt zu werden: Sie haben eine schwache Stelle im weltumspannenden Transportnetz gefunden. Die heutige Vernetzung macht unsere Transportinfrastruktur viel anfälliger, als dies noch in Zeiten von Ross und Wagen der Fall war. Ende 2008 gelang es den Piraten die saudiarabische „Sirius Star“ zu kapern: Einen Supertanker so gross wie ein Flugzeugträger; Wert: Insgesamt rund 400 Millionen Franken. Plötzlich ist es Kleingruppen mit bescheidenen Mitteln möglich, enorme finanzielle Aufwände und Risiken zu verursachen.
Schluss
Sie wussten es schon vorher, aber ich hoffe, es Ihnen noch deutlicher gemacht zu haben: die Einschätzung von Risiken wird jeden Tag komplexer und wichtiger. Für uns als Unternehmer bedeutet dies, dass wir uns nicht auf einfache Modelle verlassen sollten, welche der Komplexität der globalisierten Welt des 21. Jahrhunderts in keiner Weise gerecht werden können. Vielmehr müssen wir verschiedene Szenarien erstellen, um uns auf die verschiedenen Worstund Best-Cases der Zukunft vorzubereiten. Ich plädiere dabei immer dafür, sich auch und gerade auf den Worst-Case vorzubereiten und das Undenkbare zu denken. Die Zeiten, in denen wir Krisenszenarien unter dem Verweis auf geringe Eintrittswahrscheinlichkeiten ausblenden können, sind definitiv vorbei. Und wenn dann der schlimmstmögliche Fall eintritt, ist der darauf gut Vorbereitete der Nutzniesser oder kommt schneller auf die Beine als die Konkurrenz.Wir sollten die Worst-Cases nicht nur kennen, sondern auch entsprechende Handlungsoptionen bereithalten. Szenarien und Vorbereitung sparen Reaktionszeit, mildern allfällige Schäden und eröffnen die Möglichkeit, durch das bewusste Eingehen von Risiken, die „Historic Opportunities“ zu nutzen. Bleiben wir weiterhin mutig und zuversichtlich, denn die Zukunft hat viele Namen. Für die Schwachen ist sie das Unerreichbare. Für die Furchtsamen ist die Zukunft das Unbekannte. Für die Tapferen ist die Zukunft die Chance (Victor Hugo). Ich wünsche uns allen, dass wir zu den Tapferen gehören.
(1) Risiko wird definiert als die Beschreibung eines Ereignisses mit der Möglichkeit negativer Auswirkungen. Andere Definitionen sehen bei riskobehafteten Handlungen auch die Möglichkeit einer positiven Auswirkung, die meistens als Chance bezeichnet wird. Ursächlich ist das Risiko mit einem Wagnis verbunden. Im Gegensatz zum Risikobegriff zeigt sich der Begriff Wagnis tendenziell mit einer ethischen Komponente verbunden und findet als solcher bevorzugt in den Geisteswissenschaften (Theologie, Philosophie, Psychologie, Pädagogik, Sportwissenschaften etc.) Verwendung (Wagnis Freundschaft, Wagnis Ehe, Wagnis Sport). In der Wagniserziehung lernt man der verantwortungsvolle Umgang mit Risiken.
(2) Unter Globalisierung versteht man den Prozess der zunehmenden weltweiten Verflechtung in allen Bereichen (Wirtschaft, Politik, Kultur, Umwelt, Kommunikation etc.). Diese Intensivierung der globalen Beziehungen geschieht auf der Ebene von Individuen, Gesellschaften, Institutionen und Staaten. Als wesentliche Ursachen der Globalisierung gelten das Ende des Kalten Krieges, der technische Fortschritt (siehe auch: Digitale Revolution), insbesondere in den Kommunikations- und Transporttechniken, sowie die politischen Entscheidungen zur Liberalisierung des Welthandels.
(3) Siehe www.weforum.org/pdf/globalrisk/globalrisks2010.pdf